Cholesteatom: Diagnose, Mastoidchirurgie und Langzeitnachsorge
Cholesteatom — keratinisierendes Plattenepithel im Mittelohr; erodiert Knochen, gefährdet Hören und Schädelbasis. Operation ist Pflicht; geschlossene oder offene Technik je nach Ausdehnung.
Veröffentlicht: 2026-05-20 · Aktualisiert: 2026-05-20

Wie wird Cholesteatom behandelt?
Nur Chirurgie ist heilend. Wahl CWU vs CWD je nach Ausdehnung. Ziele: vollständige Entfernung, trockenes Ohr, Hörerhalt. Rezidiv 5-15%.
Was ist ein Cholesteatom und wie entsteht es?
Das Cholesteatom ist eine sich zunehmend vergrößernde Läsion des verhornenden Plattenepithels im Mittelohr und Warzenfortsatz. Wird als „Tumor“ bezeichnet, aber nicht als Neoplasma – eine gutartige Läsion mit anhaltender Keratinansammlung und enzymatischer Knochenerosion. Unbehandelt kann es zu schwerwiegenden Komplikationen kommen: Labyrinthitis, Fazialisparese, Meningitis, Hirnabszess.
Pathogenese-Theorien: 1) Theorie der Retraktionstasche (am meisten akzeptiert) – anhaltende Retraktion der Pars flaccida oder Pars tensa (aufgrund der Eustachischen Dysfunktion) → Keratin sammelt sich in der Tasche an. 2) Migrationstheorie – das Epithel des äußeren Kanals wandert durch eine Perforation. 3) Metaplasie-Theorie – die Mittelohrschleimhaut unterliegt einer Plattenepithelmetaplasie aufgrund einer chronischen Entzündung. 4) Angeboren – embryonale epidermale Überreste (hinter einer intakten Membran).
Typen: primär erworben (am häufigsten bei Erwachsenen/älteren Kindern; durch Retraktion der Pars flaccida), sekundär erworben (nach Perforation), angeboren (hinter intakter Membran, frühe Kindheit).
Inzidenz: 6–10 pro 100.000 pro Jahr; In jedem Alter, am häufigsten jedoch bei Kindern und jungen Erwachsenen. Leichte männliche Dominanz. Risikofaktoren: chronische Mittelohrerkrankung, Eustachische Dysfunktion, wiederkehrende Otitis, Gaumenspalte, Down-Syndrom.
Klinischer Verlauf: in den ersten Jahren asymptomatisch oder mild (Ausfluss aus dem Ohr, leichter Leitungsverlust); dehnt sich zunehmend aus; Gehörknöchelchenzerstörung (Amboss → Steigbügel → Hammer); Ausbreitung auf das Labyrinth (sensorineuraler Verlust); Erosion des Gesichtskanals (Lähmung); Tegmenerosion (intrakranielle Ausbreitung).
Eine verspätete Diagnose kann zu Folgendem führen: Labyrinthitis (Schwindel, sensorineuraler Verlust), Fazialisparese, extraduraler/subduraler Abszess, Hirnabszess, laterale Sinusthrombose, Meningitis. Diese sind mittlerweile selten, können jedoch lebensbedrohlich sein, wenn sie übersehen werden. Mehr dazu: Unser Otologie- und Hörzentrum.
Klinische Merkmale und Diagnose
Klassische Trias: chronischer Ohrenausfluss (übelriechend, anhaltend oder wiederkehrend; teilweise Reaktion auf Antibiotika-Tropfen), Schallleitungsschwerhörigkeit (Zerstörung der Gehörknöchelchen), Retraktionstasche oder Randperforation (weiße/gelbe Keratinreste bei der Otoskopie).
Zugehörige Befunde: Ohrenschmerzen (Warnung vor Komplikationen – Labyrinthitis, Mastoiditis, intrakranielle Ausbreitung), Schwindel (Labyrintherosion – halbkreisförmige Kanalfistel), Gesichtsasymmetrie/Lähmung (Gesichtskanalerosion), starke Kopfschmerzen + Fieber (intrakranielle Komplikation – Notoperation).
Otoskopie/Otomikroskopie: Retraktionstasche der Pars flaccida (Shrapnell) oder Keratinansammlung (am häufigsten), Retraktionstasche der Pars tensa (insbesondere posterosuperiorer Quadrant), Randperforation, Keratinreste, Granulationsgewebe. Die Otomikroskopie ist weitaus aussagekräftiger als die routinemäßige Otoskopie.
Audiometrie: Standard-Reinton + Sprache. Typischer Befund ist eine Schallleitungsschwerhörigkeit (10-50 dB Luft-Knochen-Lücke); Fortgeschrittene Fälle können eine gemischte oder sensorineurale Erkrankung (Labyrinthbeteiligung) aufweisen.
Bildgebung: hochauflösendes Schläfenbein-CT (1 mm axial + koronal) – identifiziert das Cholesteatom (Weichteildichte) nicht direkt, zeigt aber Ausmaß, Knochenerosion (Tegmen, Gesichtskanal, Bogengang, Gehörknöchelchen), Pneumatisierung des Mastoids. Entscheidend für die chirurgische Planung.
MRT (DWI – diffusionsgewichtet): unterscheidet Cholesteatome (hohes Signal) von Granulation und Flüssigkeit (niedriges Signal). Vor allem in pädiatrischen Fällen wird bei Verdacht auf ein verbleibendes/rezidivierendes Cholesteatom die DWI-MRT zunehmend einer routinemäßigen Second-Look-Operation vorgezogen.
Angeborenes Cholesteatom: weiße Masse hinter einer intakten Membran (anterosuperiorer Quadrant), zufällig oder nach einer Otitis bei einem normalen Kind gefunden; Möglicherweise fehlt es an Entladungs-/Leitungsverlusten. Frühzeitig erkannt – durch einfache Exzision behandelbar.
Chirurgische Optionen: geschlossener Hohlraum vs. offener Hohlraum
Chirurgische Ziele (in der Reihenfolge ihrer Priorität): 1) vollständige Entfernung – andernfalls ist ein erneutes Auftreten unvermeidlich. 2) Trockenes, sicheres Ohr – keine Komplikationen, kein Ausfluss. 3) Wiederherstellung des Hörvermögens (oft in Etappen). 4) Anatomische Erhaltung (sofern eine geschlossene Technik möglich ist).
Mastoidektomie (Canal Wall Up, CWU): Die hintere Wand des äußeren Kanals bleibt erhalten. Schritte: postaurikuläre Inzision, kortikale Mastoidektomie (offene Luftzellen des Mastoids), hintere Tympanotomie (Gesichtsaussparung) – Zugang zwischen Mittelohr und Mastoid. In beiden Fällen ist die Krankheit abgeklungen. Ossikuläre Rekonstruktion möglich (PORP/TORP).
CWU-Vorteile: Anatomie erhalten (Wasser- und Lufteinwirkung normal), kleiner Mastoidhohlraum (keine jährliche Reinigung), bessere potenzielle Hörrekonstruktion, kosmetisch (kein sichtbarer Hohlraum). Nachteile: Einige Bereiche (Dachboden, Sinus tympani, retrofazial) schwer einsehbar – höheres Restrisiko; geplanter zweiter Blick nach 6–18 Monaten, häufig empfohlen; Wiederholung 10-25 %.
Kanalwand nach unten (CWD, modifizierte radikale Mastoidektomie): hintere Kanalwand entfernt; Mastoidhöhle und Mittelohr werden als ein einziger erweiterter Kanal nach außen geführt. Indikationen: ausgedehnte Erkrankung (mesotympanales posterosuperior, Attika, Mastoid), halbkreisförmige Kanalfistel, komplexe Anatomie/kleiner Mastoid, ausgedehnte Gehörknöchelchenzerstörung, fehlgeschlagene vorherige CWU, taubes Ohr (kein nützliches Hören), schwierige Nachsorge (ältere Menschen, komorbid, entfernt).
CWD-Vorteile: gesamtes Mittelohr sichtbar → geringere Resterkrankung (5-10 %), einzeitig oft ausreichend, fortlaufende Kontrolle möglich. Nachteile: großer äußerer Hohlraum – jährliche Reinigung (Ablagerungen), kein Kontakt mit Wasser (Schwimmen, eingeschränkter Wasserzutritt), eingeschränktere Hörrekonstruktion, Meatoplastik und Mastoidobliteration erforderlich, um einen „guten Hohlraum“ zu schaffen.
Modifizierte CWD mit Mastoidobliteration: klassischer offener Hohlraum, reduziert mit Knorpel, Knochenpaste, Faszie, autogenem oder allogenem Material; breiter Gehörgang gehalten. Vorteile: kleinerer, trockenerer Hohlraum, Wassereinwirkung in manchen Fällen möglich, besseres Hörergebnis. Moderner Hybrid.
Endoskopische Mastoidektomie: weniger invasiver transkanaler Ansatz mit 0- und 30/45-Grad-Endoskopen. Wirksam bei begrenztem Cholesteatom (Dachboden, Mesotympanum). Ergänzt das Mikroskop und ersetzt es bei ausgedehnten Mastoiderkrankungen nicht. Mehr dazu: Cholesteatom-Seite.
Hörrekonstruktion und Ossikuloplastik
Das Cholesteatom verursacht Schallleitungsschwerhörigkeit durch Zerstörung der Gehörknöchelchen (besonders langer Ambossfortsatz, dann Steigbügelüberbau). Zeitpunkt der Rekonstruktion: einstufig (in geeigneten Fällen) oder 6–12 Monate später auf den zweiten Blick. Begründung für die Stadieneinteilung: Erste Stufe beseitigt die Krankheit, zweite Stufe kontrolliert verbleibendes/neues Cholesteatom + Ossikuloplastik.
Materialien: PORP (partielle Gehörknöchelchenersatzprothese) – wenn der Steigbügelaufbau intakt ist; Titan, Hydroxylapatit, Hybrid. TORP (Total Ossicular Replacement Prosthesis) – wenn der Aufbau fehlt (auf der Fußplatte). Autolog: Ambossinterposition (eigener Amboss des Patienten geformt und wieder eingesetzt), kortikaler Knochen.
Ergebnisse: sinnvoller Gewinn, wenn sich der Luft-Knochen-Abstand auf <20 dB verringert. PORP 50–70 % Erfolg (klinisch bedeutsamer Abschluss); TORP 35-55 %. Hängt vom Gehörknöchelchenstatus, der Gesundheit der Mittelohrschleimhaut, der Eustachischen Funktion und dem Höhlentyp ab (CWU besser als CWD).
Tympanoplastik: Rekonstruktion, die häufig neben einer Cholesteatomoperation erforderlich ist – Perforation, Retraktion, Gehörknöchelchenschädigung. Transplantatmaterialien: Schläfenfaszie (klassisch), Perichondrium, Tragusknorpel, Muschelkompositknorpel. Knorpel verhindert ein erneutes Zurückziehen (das ursprüngliche Problem!) – dicker, aber stabiler.
Sicherheit zuerst, Hören zweitens: Wiederaufbau ist erst dann sinnvoll, wenn die Krankheitsbekämpfung gewährleistet ist. Der Wiederaufbau während einer aktiven Erkrankung schlägt fehl und erhöht das Risiko.
Alternativen: aktives Mittelohrimplantat, Knochenleitungsgerät (BAHA, BoneBridge) – insbesondere wenn die CWD-Kavität herkömmliche Hilfsmittel ausschließt.
Pädiatrische Überlegungen: Eustachische Funktion weniger ausgereift, Retraktion und Rezidiv häufiger – die Rekonstruktionsplanung ist vorsichtig und wird oft in die Pubertät verschoben.
Postoperative und langfristige Nachsorge
Früh nach der Operation: Ohrenpackung 1–2 Wochen. Antibiotika-Tropfen (häufig mit Hydrocortison) für 1–2 Wochen nach Entfernung der Packung. 4-6 Wochen lang keiner Wassereinwirkung ausgesetzt. Mikroskopische Kontrollen nach 2, 6, 12 Wochen.
Langfristig: jährliche Überprüfung – Reinigung mikroskopischer Ablagerungen, Überprüfung auf verbleibende/wiederkehrende Krankheiten. Ausfluss, Schmerzen, Schwindel, Gesichtsasymmetrie und Hörverschlechterung erfordern eine dringende Abklärung.
Erkennung von Resterkrankungen: Second-Look-Operation (6–18 Monate, klassisch für CWU), DWI-MRT zur nicht-invasiven Überwachung (moderne Alternative – bevorzugt in pädiatrischen Fällen). DWI-Sensitivität ~90+ %, Spezifität ~90+ %.
CWD-Pflege: Jährliche Höhlenreinigung – Patienten werden zu „Höhlenohrbesitzern“. Wenn der Hohlraum „trocken und selbstreinigend“ bleibt, seltener (1-2 pro Jahr). Eine entladende Höhle benötigt zusätzliche Pflege (topisches Antibiotikum, Säure-Alkohol-Tropfen, Entfernung von Ablagerungen).
Gewässerschutz: mit CWD, Schwimmen/Tauchen verboten; Badewanne mit Gehörschutz (Wachs-/Silikonstöpsel + Stirnband). Bei CWU gilt bei erfolgreichem Wiederaufbau eine begrenzte Exposition (Meer, gechlorter Pool – Vorsicht und Überprüfung).
Hörkontrolle: jährliches Audiogramm; Eine Verschlechterung ist ein Warnzeichen für eine Resterkrankung oder ein Versagen der Rekonstruktion.
Erwartungen: trockenes, sicheres Ohr 85–95 %; sinnvoller Hörgewinn von 50-70 %. Rezidiv (echtes neues Cholesteatom) 5–15 % der Erwachsenen, 10–25 % der Kinder. Frühzeitige Diagnose und Operation → weniger Komplikationen, einfachere Operation, besseres Ergebnis.
Lebensqualität: Der chirurgische Verlauf ist stressig; langfristiges Follow-up-Engagement erforderlich. Familien- und Patientenaufklärung – Cholesteatom ist eine chronische Erkrankung; Eine „one and done“-Heilung ist ungewöhnlich. Mehr dazu: Unsere Patientenstimmen.
Häufig gestellte Fragen
- Ist Cholesteatom Krebs?
- Nein — kein Neoplasma. Aber lokal aggressiv, erodiert Knochen.
- Tropfen heilen es?
- Nein — nur Infektkontrolle. Heilung nur durch OP.
- CWU oder CWD?
- Je nach Ausdehnung und Anatomie.
- Wasser nach OP?
- CWD kein Wasser; CWU bei erfolgreicher Rekonstruktion eingeschränkt erlaubt.
- Second-look nötig?
- Klassisch ja; DWI-MRT als Alternative wachsend.
- Höre ich danach normal?
- Selten ganz normal; Ziel < 20 dB Lücke.
Eine konkrete Frage? Kontaktieren Sie uns für eine persönliche Einschätzung.
Anatomie, Erwartungen und Befund jedes Patienten sind unterschiedlich. Schreiben Sie uns auf WhatsApp oder über das Kontaktformular — Prof. Dr. Hasan Ahmet Özdoğan meldet sich mit einer persönlichen Einschätzung.
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